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Schmetterling und Blütenwiesen

Das Wettbewerbsteam von Hild und K darf sich über einen großen Erfolg freuen: Der Beitrag zum Realisierungswettbewerb „Erweiterungsbau Bauteil D / Herstellbereich Potenzieren, WALA Bad Boll“ wurde mit einem von zwei dritten Preisen bedacht. Ein zweiter Preis wurde nicht vergeben.

Die WALA Heilmittel GmbH gehört zu den Pionieren im Bereich Naturkosmetik und Naturarzneien. Auf dem bestehenden Firmengelände am Standort Bad Boll ist eine Erweiterung des bestehenden Gebäudes für den Herstellungsprozess des Potenzierens vorgesehen. Mit dem Ziel, eine qualitätsvolle, ökologische, wirtschaftliche und nachhaltige Planung für die Neubebauung zu erhalten, die auf die jeweiligen städtebaulichen, funktionalen und wirtschaftlichen Anforderungen angemessen und in hoher Qualität antwortet, wurde ein geladener Wettbewerb ausgeschrieben. Den ausgezeichneten Hild und K-Entwurf möchten wir an dieser Stelle einem breiteren Publikum vorstellen.

Städtebau Der Schmetterling
Der neue Baukörper vollendet als vierter und letzter Flügel die schmetterlingsartige Grundform des Gebäudes. Dabei richtet sich der Erweiterungsbau, zunächst unerwartet, leicht gedreht zum vorgegebenen Bauraum aus. Die Form des letzten Flügels erhält somit eine leicht asymmetrische Ausrichtung, welche den Schwerpunkt des Baukörpers hin zur Dorfstraße, also zur repräsentativen Seite verlagert. Gleichzeitig dreht sich das Volumen vom frontal gestellten Nachbargebäude weg, um dessen Hauptfassade freizustellen und diesem mehr Raum zu lassen.

Weiterbauen – Zusammenführen statt Separieren
Der neue Flügel verbindet sich integrierend mit dem Bestand, anstatt das heterogene Ensemble lediglich weiter zu ergänzen. Er bildet analog zum gegenüberliegenden Bestandsflügel einen klaren Abschluss mit abgerundetem Kopf aus. Jedoch behält er mit seiner asymmetrischen Ausrichtung eine gewisse Eigenständigkeit und reagiert auf die konkrete städtebauliche Situation. Wo Neu und Alt aufeinandertreffen, verschränkt und verbindet sich die geschwungene Form mit dem Bestand und führt beide zusammen. So wird z.B. die vorgehängte Laborfassade am Haupteingang über das Bestandsgebäude weitergeführt. Der neue Teil setzt damit auch einen Impuls für den gesamten Bestandskomplex. Dessen Qualitäten werden hervorgehoben sowie neue Möglichkeiten der Nutzung, der Aufenthaltsqualität und der Repräsentation geschaffen. Der Entwurf ergreift die Chance Bezüge herzustellen, ohne ein direktes Kopieren, um die ganzheitliche Erscheinung des Komplexes zu stärken.

Bezüge – Referenzieren und Transformieren
In seiner Architektursprache stellt der Entwurf Bezüge zum Vorhandenen her. Er referenziert die Gliederung, die Proportionen und die Gestaltungsideen, insbesondere der Pilaster und Attika-Abschlüsse. Durch Materialwechsel und Reaktion auf die Nutzung entsteht dabei eine Transformation hin zu einem neuen, eigenständigen Ausdruck. Durch das Referenzieren entsteht eine kohärente Gesamterscheinung.

Ausdruck – Natur und Kultur
Die Materialisierung und der architektonische Ausdruck der Fassade lassen sich am besten mit der Bildsprache aus Gottfried Sempers Bekleidungstheorie beschreiben. Die äußere Fassade umhüllt wie ein textiles Band den Baukörper die Wand wird zum fließenden „Gewand“ und legt sich in mehreren Schichten um das neue und auf das alte Gebäude. Die nach Semper grundlegenden Kulturtechniken der Architektur Weberei, Zimmerei und Maurerkunst finden dabei eine direkte Anwendung als gewebter Sonnenschutz, hölzerne Pfosten-Riegel-Konstruktion und gemauerter Sockel. Das tektonische Fügen, Falten und Verknüpfen der einzelnen Elemente bezieht sich dabei auch auf die Tektonik des anthroposophischen Bestandes. Insbesondere die Faltungen an den Übergängen zu den Attiken stellen einen direkten Bezug her. Ihre eigentliche ästhetische Qualität offenbart die Hülle aber erst im Wechselspiel zwischen Architektur und Natur. Drei semitransparente Schichten, Acryl-Stegglas, Sonnenschutzgewebe und Pflanzenblätter, zeigen je nach Tages- und Jahreszeit ein immer neues Spiel aus Reflexionen, Schatten und Tiefenwirkung.

Repräsentation – Die produktive Hülle
Die ökologischen Werte von WALA nach außen sichtbar zu machen, ist zentraler Bestandteil der Gebäudefassade. Jedoch nicht als Selbstzweck, sondern als integraler Bestandteil eines umfassenden Nachhaltigkeitskonzeptes. Hier kann eine Parallele zur Firmenphilosophie von WALA gelesen werden. Anstelle einer plakativen Fassadenbegrünung mit Zierpflanzen wird die zweischalige Fassade genutzt, um eine klimatische Pufferzone als Gewächshaus auszubilden. Heilpflanzen können hier gezogen und wie in einem Botanikum zu Lehr- und Schauzwecken genutzt werden. Es entsteht eine produktive Hülle, welche den inneren Veredelungsprozess nach außen vermittelt und gleichzeitig zu einer natürlichen Klimatisierung des Gebäudes beiträgt. Darüber hinaus können Besucher in Führungen durch das Botanikum die Pflanzen der WALA-Produkte erleben und direkte Einblicke in die Potenzierlabore erhalten, ohne die Arbeit zu stören. Der Bezug von Natur und Produkt wird erlebbar.

Innenraumorganisation – Weg durch das Gebäude
Der Sockel mit der Anlieferung entspricht in der Materialität und Nutzung weitgehend dem Bestand. Die Reinraum-Labore in den Obergeschossen können frei gestaltet werden. So gibt es möglichst wenige feststehende Elemente, wie den Treppenhauskern und den Aufzugs- bzw. TGA-Schacht. Die beispielhafte Aufteilung der Labore wird über Mittelgänge erschlossen, welche sich in mehrere Richtungen abzweigen und mit verschiedenen Ausblicken in die Landschaft enden. Flächeneffizienz und kurze Wege sind bei der Organisation der einzelnen Räume maßgebend. Die Personenwege der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Reinräumen und der Zugang zur Gewächshausschicht verlaufen dabei getrennt. So können Besucherinnen und Besucher um die Labore geführt werden und die Pflanzen unabhängig gepflegt bzw. die Geräte von außen gewartet werden.

Im Bürogeschoss wird die Erschließung gleichzeitig zur Kommunikations- und Begegnungsfläche mit verschieden Treffpunkt- und Rückzugsangeboten. Die Kombibürostruktur ermöglicht dabei die Tiefe des Baukörpers sinnvoll zu nutzen. Glastrennwände bringen Licht auch in die multifunktionale Mittelspange. Alle Büroarbeitsplätze bekommen einen umlaufenden, begrünten Außenbereich. Zudem wird das Angebot der Kantine mit einer großen Dachterrasse zwischen dem neuen Bürogeschoss und dem Hauptlager erweitert. Darüber spannt sich eine Pergola und schafft einen geschützten Bereich, welcher sich gleichzeitig dem Ausblick über die Streuobstwiesen öffnet. Die Lüftungstechnik liegt über dem Bürogeschoss in einem offenen Dachraum und wird von einem Photovoltaikdach überdeckt.

Klimaneutralität – Der Bestand der Zukunft
In der Überlagerung von Betrachtungen der Dauerhaftigkeit und der Wiederverwendbarkeit entsteht eine nachhaltige und langfristige Klimaneutralität, die das zweite und dritte Gebäudeleben bereits mitbetrachtet. Das Skelett aus Recyclingbeton schafft eine dauerhafte Flexibilität für den Umbau, die Verwendung von nachwachsenden und recyclingfähigen Rohstoffen, wie z.B. in der Pfosten-Riegel-Konstruktion aus Holz, reduziert den Primärenergiebedarf und schließt den gesamten Lebenszyklus der Materialien mit ein. Die zweischalige Fassade senkt mit natürlichen Mitteln den Energieverbrauch, als Pufferzone im Winter und als natürliche Kühlung mittels Kamineffekt im Sommer. Die Begrünung verschattet und trägt selbst zu einer positiven CO²-Bilanz bei. Unter dem Aspekt der grauen Energie schneiden die Acryl-Stegplatten der äußeren Schicht deutlich besser ab als Isolierverglasungen und sind einfach und effizient zu recyceln. Bei der Energie- und Nachhaltigkeitskonzeption wurden die Architekten extern unterstützt durch Prof. Thomas Auer von Transsolar.

Freianlagen
Mit dem Bau des Erweiterungsflügels auf der Südwestseite des Firmengebäudes bietet sich auch für die Freianlagen eine große Chance, das direkte Gebäudeumfeld in einem übergeordneten Gesamtkonzept neu zu lesen und das Gebäude über eine zeitgemäße, naturnahe und artenreiche Gestaltung besser in den Kontext des umgebenden, landwirtschaftlich geprägten Landschaftsraumes zu vermitteln. Durch vielfältige Blütenwiesenstrukturen, gemischte Gehölzpflanzungen und eine weiche Wegeführung mit einfachen Aufenthaltsangeboten adressiert sich der Firmenhauptsitz im „Grünen“. Mit der maximalen Reduktion der Belagsflächen auf funktional erforderlichen Wegeverbindungen wird wichtiger Raum für die lokale Regenwasserversickerung geschaffen. Die artenreich durchgrünten Vegetationsflächen sind so nicht nur Lebensraum für viele Insekten und Kleintiere, sondern auch wertvolle Retentionsfläche für eine dezentrale Versickerung von Starkregenereignissen. Die Dachflächen auf dem Neubau sind intensiv begrünt. Die umlaufende Dachterrasse schafft eine neue Wegeverbindung in den Gebäudebestand. Die große Pergola markiert einen erweiterten Außensitzbereich als zusätzliches Aufenthaltsangebot an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Entwurf der Freianlagen wurde gemeinsam mit Studio Vulkan Landschaftsarchitektur erarbeitet.