Luginsland Kloster Lorch

Als Beitrag zu dem von Jórunn Ragnarsdóttir anlässlich der Remstal Gartenschau 2019 kuratierten Architekturprojekt „16 Stationen“ setzten Hild und K Architekten im ostwürttembergischen Lorch ein Partizipationsprojekt der besonderen Art um. 53 Frauen, ein Mann und ein Junge aus Stadt und Umgebung verarbeiteten, angeleitet und unterstützt von Dionys Ottl und seinem Team, rund 114 Kilometer Nylonschnur in liebevoller Handarbeit zu individuellen Werkstücken. Zusammengesetzt verhüllen sie als textile Intervention für die Dauer der Gartenschau das sogenannte „Luginsland“. Das historische Gebäude an der südlichen Ringmauer des Klosters Lorch diente in früheren Zeiten vermutlich der Überwachung der unterhalb gelegenen Fernhandelsstraße. 164 Tage lang wird das Fachwerkhäuschen der direkten Sichtbarkeit entzogen. Gerade dadurch gewinnt es paradoxerweise für eine gewisse Zeit an Wahrnehmbarkeit, statt wie bisher selbstverständlich vorhanden und daher quasi unsichtbar zu sein.

Der textile Überwurf ist in seiner filigranen Textur von der benachbarten Klosterkirche inspiriert. Die individuelle Gestaltung der Einzelelemente, jeweils in Form einer bestimmten Ausfachung des historischen „Luginsland“, oblag den jeweiligen Handarbeiterinnen. In einer gemeinsamen Aktion wurden die Stücke zusammengeführt und am 30. April 2019 an den endgültigen Standort verbracht. Der ehrenamtliche Einsatz verband die unterschiedlichsten Personen und Gruppen der ganzen Stadt und benachbarter Gemeinden. Großmütter und Enkelkinder, Haus- und Geschäftsfrauen, Nachbarinnen aus der Evangelischen Heimstiftung Kloster Lorch und Mitglieder des Vereins türkischer Arbeitnehmer häkelten und strickten, bis die Fingerspitzen wund waren.

Als am 10. Mai 2019 die Remstal Gartenschau eröffnet wurde, präsentierte die Stadt Lorch ein Stück Architektur, das die vermeintlichen Grenzen zwischen dem Offensichtlichem und dem Unsichtbaren außer Kraft setzte. Dahinter stand ein bürgerschaftliches Engagement, dem es ebenfalls gelungen war, manch persönliche und soziale Grenze zu überschreiten.