Lesesaal

Architektur zu zeigen ist, abseits des Sich-Selbst-Zeigens von Architektur, ein ebenso schwieriges wie herausforderndes Unternehmen.

Die Präsentation, das Ausstellen, Herzeigen, Vorweisen – wie immer man es bezeichnen will – der spezifischen Leistungen eines Architekten oder eines Architektenbüros muss sich, sieht man eben von der schlichten Präsenz der Architektur(en) selbst an ihrem jeweils konkreten Ort ab, mit der Differenz zwischen der Architektur als solcher und ihren diversen Stellvertreterobjekten in irgendeiner Weise auseinandersetzen. Das kann unbewusst geschehen, etwa indem man sich auf kanonisierte Formen der Abbildung oder Repräsentation im weitesten Sinne zurückzieht – also etwa Modelle, Fotos, Zeichnungen, Pläne, Schnitte, Simulationen usw. ausstellt – oder bewusst, also indem man diese Problematik der Absenz der Architektur als solcher selbst zu einem Thema der Ausstellung macht. Ein Thema, das neben seiner rein theoretischen Brisanz auch unmittelbar architektonischen Bezug aufweist und mit architektonischen Mitteln bearbeitet werden kann.

Lesesaal ist eine Art architektonische Installation, die es dem Besucher – von einem Betrachter zu sprechen, wäre entscheidend zu kurz gegriffen – ermöglicht, sich der Arbeit des Büros Hild und K in zugleich konkreter wie abstrakter Weise zu nähern. Konkret, indem der Besucher sich auf eine bestimmte Raumgestaltung einlassen muss, in der wesentliche Gestaltungselemente der Arbeit der Architekten in sparsamer und reduktiver Form gewissermaßen fokussiert auftreten. Abstrakt, indem die Architekten zur Annäherung an ihre Arbeit nur die textliche Interpretation außenstehender Dritter in Buchform vorlegen.

Der Besucher kann sich im Lesesaal der Architektur des Büros Hild und K auch lesend annähern, wobei nicht verschwiegen sein soll, dass die Texte selbst wiederum Elemente ganz herkömmlicher Bezugnahme auf die Architektur, also Bilder, Darstellungen etc. enthalten. Die Produktion der Bücher ist dabei nur insoweit gesteuert, als die Drucklegung selbst eine gestaltende Tätigkeit des Architekturbüros war. Die Texte als solche sind demgegenüber die kommentierende Aneignung oder nachdenkende Begleitung der bereits vorhandenen Bauten des Büros Hild und K aus ganz verschiedenen Blickwinkeln (Architekturkritik, Kunsthistorik, Kulturgeschichte, Philosophie etc.). Die Texte zeigen, dass Architektur sich jenseits des konkreten Ortes auch in der interpretierenden Auseinandersetzung Gestalt schaffen und bewähren muss. Und sie zeigen, dass Architektur jenseits der körperlichen Präsenz eine geistige Präsenz einfordern kann, deren Nachweis eben gerade nicht durch konventionelle Präsentation von den Baukörper selbst repräsentierenden Objekten geleistet werden kann.

Lesesaal kann also im Idealfall momenteweise die Beschäftigung mit der gesamten konstruktiven, gestalterischen und geistigen Arbeit der Architekten in extremer Weise ”verdichten” und eine Anspannung aller bewussten und unbewussten Sinne herausfordern. Dabei ermöglicht es diese Form der Präsentation zugleich, dem schwierigen Thema des Architektur-Ausstellens einen spezifisch architektonischen Diskussionsbeitrag zuzuführen. Lesesaal ist von daher trotz – oder gerade wegen – der auf den ersten Blick scheinbar fehlenden Repräsentation von Architektur des Büros Hild und K ein genuin architektonisches Projekt, das die Grundprinzipien der Arbeit des Büros auf vielfältigen Ebenen entfaltet.

Dr. Tassilo Eichberger