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Gastprofessur Technische Universität Graz

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Architekten, hört auf zu entwerfen! Es tötet Eure Kreativität!

Positionen zur Architekturausbildung

von Andreas Hild und Oliver Elser

Heutige Architekturstudenten sind dazu verurteilt, originell zu sein. Und müssen spätestens am Ende des Semesters doch feststellen, dass ihre Entwürfe so oder so ähnlich bereits von anderen formuliert wurden. Alles schon mal dagewesen. Dagegen wäre an sich nichts einzuwenden. Denn wann wird in der Architektur schon einmal etwas Neues erfunden?

Deprimierend jedoch ist, was das für Bilderwelten sind, die Jahr für Jahr zusammengeklaubt werden: Nach dem Ende der „-ismen“ stehen nur noch Modegags zur Verfügung, deren Haltbarkeitsdatum bereits überschritten ist, wenn sie von den Studenten einverleibt und halbverdaut ausgeplottet werden. Von keinem der gegenwärtig publizierten Architekten lässt sich etwas lernen, nicht von Koolhaas, nicht von Herzog & de Meuron, nicht von Zumthor. Denn das ist nicht die Liga, in der 99,9% der Studenten je auftreten werden. Sie bekommen an der Hochschule pausenlos Architektur um die Ohren geschlagen, die angeblich einzig bedeutsame, große ARCHITEKTUR – und lernen nie zu bauen.

Bauen aber baut immer auf dem bereits Vorhandenen auf, und dessen Wurzeln reichen weiter zurück, als uns die aktuellen Jahrgänge der Architekturzeitschriften weismachen wollen. Bauen bezieht sich auf Techniken, Traditionen, Ideen, und andere Bauten, die man studieren sollte, vor allem aber auf dem eigenen Erfahrungsschatz, den jeder, und nicht nur ein Architekturstudent, bereits im gebauten Raum erworben hat. Jeder Mensch ist Architekturexperte. Das Wissen darüber, was angenehm ist und praktisch – oder, um ein Reizwort zu verwenden: gemütlich – zählt zum allgemeinen Erfahrungsschatz, der allerdings im Studium einer „professionellen Deformation“ unterzogen wird. Als hätte es Loos nie gegeben, der davor warnte, die Architektur mit der Kunst zu verwechseln: „Das kunstwerk will die menschen aus ihrer bequemlichkeit reißen. Das haus hat der bequemlichkeit zu dienen. Das kunstwerk ist revolutionär, das haus konservativ.“

Sich der konservativen Natur des Bauens zu stellen, hat für die Lehre an der Hochschule dramatische Konsequenzen. Es verbietet sich dann von selbst, das Berufsziel Meisterarchitekt zu pflegen und Semester für Semester die Welt neu erfinden zu wollen. Angesichts einer zumindest in Europa bereits weitgehend fertig erbauten Umgebung ist das auch gar nicht nötig.

Die Korrektur der Ausbildungsziele kann nur dann erfolgreich sein, wenn gleichzeitig die Lehrmethoden neu ausgerichtet werden. Die uns umgebende Alltäglichkeit des Bauens entpuppt sich bei näherem Hinsehen als soviel reicher an Möglichkeiten, daran weiterzuarbeiten, als der dritte Aufguss einer vermeintlichen Avantgarde.

Studenten produzieren meist leider nichts anderes als Striche auf Papier und schöne Modelle und gelangen deswegen im Studium fast nie an den Punkt, ab dem aus diesen „Stellvertretern“ wirkliche Bauten werden. Zeichnen lässt sich vieles und Modelle, als schöne Skulpturen gebaut, sind eine wirkungsvolle Ersatzdroge, die leicht vergessen macht, dass es ja nur Modelle sind. Kreativität aber entsteht nicht beim Zurechtschnitzen von Luftschlössern, sie entsteht erst aus der Reibung an strikten Vorgaben und in der Auseinandersetzung mit Traditionen. Die Architekturlehre sollte in der Lage sein, diese Reibungen zu produzieren und gleichzeitig das „Stellvertreterproblem“ ernst zu nehmen, anstatt die Studenten im Irrglauben zu lassen, die Medien der Darstellung seien bereits die Architektur selbst. Ein Trugschluss, der in der späteren Praxis nicht etwa von alleine verschwindet. Sonst stünden nicht diese ganzen aufgeblasenen Modelle in aller Welt herum, sonst gäbe es nicht die Kämpfe um fugenlose Fassaden, flächenbündige Fenster, aberwitzige Tragkonstruktionen und andere Kopfgeburten. Solange die Architekten sich mit derlei Designfragen befassen, die niemandem, außer einigen Architektenkollegen, als plausibel erscheinen, sägen sie am Ast, auf den die Profession durch ihren Originalitätswahn geraten ist: Schwankend zwischen Weltverbesserung, Genie und Selbstverwirklichung, ständig vom Liebesentzug einer Gesellschaft bedroht, die derlei Eskapaden zu brauchen meint und ebenso schnell wieder satt hat. Ein solides Fundament, auf dem sich bauen lässt, in der Lehre und auch danach, sieht anders aus.

Aber wie nun genau? Damit die vorangestellte Kritik an der bisherigen Architektenausbildung geerdet wird, werden im Folgenden zwei Semesteraufgaben vorgestellt, die an der TU Graz im zwischen Oktober 2006 und Juni 2007 bearbeitet wurden. Wichtiger als das „Entwerfen“ war das Erlernen von „Handwerkszeug“. Deswegen wurden die Entwurfsaufgaben mit einer Fülle von präzisen Vorgaben durchsetzt: Nur wenn Studenten nahezu das Gleiche tun, wenn sie alle denselben Blickwinkel auf ihre geplanten Bauten einnehmen, oder sich am selben Material abarbeiten müssen, erst dann entsteht innerhalb einer Seminargruppe eine Diskussion und auch weniger talentierte Stundenten haben eine Chance, daran teilzunehmen.

Seminar „Putz“

Putz ist als Fassadenmaterial allgegenwärtig. Aber in Architektenkreisen hat Putz ein Schmuddel-Image. Putz bedeutet heute nur noch Thermohaut, die dumpf „plock“ macht, wenn man dagegen klopft. Doch Putz ist die Realität im Architekturbüro, nicht Sichtbeton oder doppelt gekrümmtes Titanblech. Wenn wenig Budget vorhanden ist, nimmt man Putz – und dementsprechend sieht das Ergebnis meist auch aus. Deswegen hassen Architekten den Putz und überlassen dieses Feld den in Marktforschungsprozessen zu Tode nivellierten Produkten der Bauindustrie. Weil aber nur dort, wo niemand hinsieht, noch Entdeckungen zu machen sind, wurde die Beschäftigung mit „Putz“ als Thema des Semesterentwurfs ausgewählt

Zunächst wurde ein „Putzplan Graz“ erstellt, für den die Studierenden ca. 1.000 Beispiele historischer Putzoberflächen aus dem Grazer Stadtraum zusammengetragen haben. ??Die eigentliche Entwurfsaufgabe war so gestellt, dass ein Zugang über spektakuläre Architektur von vorneherein ausgeschlossen war: In Seiersberg, einer Kleinstadt im Speckgürtel von Graz, die sich durch einen Teppich von Einfamilienhäusern auszeichnet, der durchsetzt ist von einzelnen Gewerbebauten, wäre jeder Versuch sinnlos, sich mit „architektonischen“ Auffälligkeiten von den Nachbarn abzugrenzen. Putz ist das vorherrschende Material. In dieser maximal-banalen Umgebung befindet sich das Unternehmen „Happy Sound“. Der Inhaber, Karl Zotter, verleiht technische Geräte und Scheinwerfer an Musiker und ist im Bühnen- und Messebau tätig. Seine Firma ist in einem mehrfach umgebauten Wohnhaus untergebracht, das dringend erweitert werden müsste, doch die Ausnutzung des Grundstücks lässt nur wenig Spielräume zu. Dieses reale Szenario entspricht durchaus den Aufgaben, mit denen sich ein Absolvent in seinen ersten Berufsjahren konfrontiert sehen könnte. Es geht um einen „Tauschhandel“: Durch bessere Architektur sollen die Behörden bewegt werden, noch einmal einem Anbau zuzustimmen.

In dieser alltäglichen, für studentische Entwurfsprogramme aber ungewöhnlichen Umgebung schlummern, so die Anfangsthese, eine ganze Reihe von Anknüpfungspunkten, wenn es gelingt, die Studenten dafür zu sensibilisieren, genau hinzuschauen, was den Charakter dieser vermeintlichen Un-Ortes mit seiner von früheren Gestaltungsversuchen verkorksten Architektur ausmachen könnte. Das Sehen wurde auf einer Wanderung zu Beginn des Semesters trainiert und mit der detailgenauen Analyse des Bestandes fortgesetzt. Da unter diesen Bedingungen die Stimmung im Innenraum und die „haptische Qualität“ den Gesamtentwurf stärker prägt, als abstrakte Überlegungen zur Kubatur, erfolgte die Annäherung gewissermaßen „von unten“: Bevor das gesamte Bauwerk von den Studenten gezeichnet wurde, mussten sie bereits präzise Aussagen über die Putzoberfläche und die Innenräume machen.

Dadurch wurde die lineare Bahn verlassen, die klassischerweise vom Städtebau zum Entwurf führt und, selten genug, danach noch zum Detail. Stattdessen wurde eine Aussage zur Putz-Bekleidung, dargestellt als Putzmuster im Maßstab 1:1, gleich zu Beginn von den Studenten verlangt. Die Entwurfsschritte im 2-Wochen- Rhythmus sprangen zwischen den Maßstäben hin und her (1:1, 1:50, 1:10…) und endeten mit einem Gipsmodell in 1:200 an dem Punkt, wo das Entwerfen bei einer Aufgabe dieser Größenordnung üblicherweise beginnt. Der Bestand in seiner ganzen Banalität wurde von den Studenten so interpretiert, dass präzise benennbare, weil bereits bekannte Raumtypen das Entwerfen als Hypothese begleiteten: Burg, Shedhalle, Scheune, Kirchen, Ehrenhof, römische Villa, etc. Diese wurden in 1:10-Modellen aus Gips und Perspektiven im Zeichenstil Heinrich Tessenows daraufhin befragt, welche Stimmung mit welchen Mitteln erzielt werden kann.

Am Semesterende hatte sich dann soviel Material angesammelt, dass das „Entwerfen“ dann eigentlich erst richtig hätte beginnen müssen. Wichtiger als der genialische Entwurf, der in den letzten durchwachten Nächten vor der Schlussabgabe entsteht, waren die Zwischenschritte, bei denen die Stundenten „handwerkliche“ Hürden zu bewältigen hatten, die sie sich vor Beginn des Semesters nie zugetraut hätten. In Summe haben die Studenten dadurch mehr Erfahrungen machen können, als durch die vorsichtige, oft auch ängstlich-tastende Herangehensweise an den „großen Wurf“, der üblicherweise von ihnen erwartet wird. Entwerfen ist kein Mysterium, lautete die Botschaft, sondern kann durch gezieltes Reduzieren der Komplexität erlernt werden.


Seminar „dogMax“

Im darauf folgenden Semester wurden die Einschränkungen, an denen sich Kreativität erst entzünden kann, in Form von 10 Dogmen formuliert, für die das DOGMA95-Manifest der dänischen Filmregisseure Lars von Trier und Thomas Vinterberg als Vorbild diente. Von Trier und Vinterberg begründeten mit DOGMA95 eine neue Richtung des Kinos: Keine Kulissen, keine Requisiten, kein künstliches Licht, kleine und deswegen flexible Handkameras, keine digitale Nachbearbeitung etc. Dieser Versuch, das Kino aus den Zwängen immer teurerer Produktionen mit Stars und digitaler Nachbearbeitung zu befreien, kann ohne Schwierigkeiten auf die Architekturproduktion der Gegenwart bezogen werden.

Der Ausweg besteht darin, die Architektur wieder im Leben zu verankern und deswegen dorthin zu gehen, wo die meisten bauwilligen Menschen zu finden sind: In den Baumarkt. Der österreichische Marktführer trägt den Namen bauMax. Das Unternehmen konnte für eine Kooperation gewonnen werden und ließ sich überzeugen, dass aus bauMax dogMax werden muss. Analog zu den 10 Dogmen Lars von Triers und Thomas Vinterbergs wurde ein dogMax-Manifest verfasst, dass die Studenten zu befolgen hatten:

1. Gebaut werden darf nur mit Materialien, die bei bauMax erhältlich sind.
2. Experimente finden im Maßstab 1:1 statt. Was nicht gebaut werden kann, das kann auch nicht entworfen werden.
3. Beim Zeichnen wird kein Strom verwendet.
4. Als Zeichengeräte sind nur der Pentel Sign Pen, sowie COPIC-Sketch C02S, C04S, C06S erlaubt.
5. Es werden ausschließlich Handzeichnungen im Original präsentiert, keine nachbearbeiteten Scans.
6. Alle Entwürfe orientieren sich an Archetypen: Turm, Zelt, Schiff, Burg, Scheune, Kirche, Bunker, Fabrik …
7. Das Abgabeformat für alle Zeichnungen ist DIN A3.
8. Bei der 1:1-Realisierung der Entwürfe arbeiten maximal zwei Studenten zusammen.
9. Die Osterferien sind Arbeitszeit.
10. Die 1:1-Module müssen transportabel sein und sich in vorgegebene Rahmenmaße einpassen lassen.

Prof. Andreas Hild — Markus Bogensberger — Oliver Elser

Zunächst wurde eine abgehängte Decke vor den Institutsräumen demontiert, und durch Leuchten mit Deckenstücken ersetzt, die von den Studenten aus Schöpflöffeln, Hockern, puffigen Sitzkissen, Fliegenklatschen, Klobürstenhaltern, Atemmasken etc. gebaut wurden. Dieser Schritt diente dazu, das Sortiment des Baumarkts kennen zu lernen und den „gezielten Missbrauch“ der Produkte zu erproben.

Aus diesen Leuchten entwickelten sich im Laufe des Semesters Raum-Entwürfe, die mit handgezeichneten Perspektiven entwickelt wurden. Diese geben eine bessere Ahnung davon, welche Bereiche eines Entwurfs noch nicht bedacht sind, als das konventionelle Schema von Grundriss, Ansicht und Schnitt. Und sie vermitteln eine Zusatzinformation zur atmosphärischen Stimmung, die in den etablierten abstrakten Zeichenmethoden ausgeblendet wird, obwohl sie doch unsere ganz alltägliche Architekturwahrnehmung wesentlich bestimmt.

Die verlangten Perspektiven waren bewusst skizzenhaft und ähneln den Storyboards der Regisseure und Filmarchitekten, die das gleiche Problem haben: Beschreibung einer Atmosphäre als Arbeitsgrundlage und Handlungsanweisung, und weniger als Verkaufsmittel. Im dogMax-Semester wurde intensiv mit diesen „Storyboard“-Perspektiven gearbeitet. Was zudem den Vorteil hat, dass die Studenten nach einem Semester nicht nur ihren Entwurf gemacht, sondern auch eine handwerkliche Zeichenausbildung absolviert haben. Denn: Atmosphäre muss physisch begreifbar werden, geht es bei der Architektur doch um das Herstellen, nicht nur um das Darstellen.

Der Schritt zur Herstellung von Wandsegmenten, die aus den zuvor gezeichneten Entwürfen kleiner Häuser „herausgeschnitten“ wurden, führte nicht nur zu einer intensive Beschäftigung mit dem Sortiment des Baumarks, sondern zugleich zur Einübung von realitätsnahen Planungsabläufen. Pro Entwurfsgruppe war ein „Einkaufsbudget“ vorgegeben, aber die Materialien wurden erst freigegeben, nachdem die Studenten ihre Werkplanung fertiggestellt und eine Materialliste abgegeben hatten. Die Frage WAS gebaut werden soll, konnte nicht ohne die Beschäftigung mit den WIE der technischen Herstellbarkeit geklärt werden.

Dreizehn Module im Maßstab 1:1 konnten schließlich auf der Terrasse des Instituts realisiert werden.

Weitere Informationen
www.dogmax.at


Photographie
Paul Ott

Kurzbiographie der Autoren
Andreas Hild, HildundK Architekten, München.
Lehrstuhlinhaber an der TU Graz von 2005 bis 2007, zuvor Professor in Kaiserslautern, München und Hamburg.

Oliver Elser, Kurator am Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main.
Zuvor freier Architekturkritiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Graz.

Veröffentlichungsnachweis
Der Text erschien in gekürzter Fassung in:
Hintergrund, Heft 36 (2007), Hg. Architekturzentrum Wien
GAM. Graz Architecture Magazine, Heft 4 (2008), Hg. Fakultät für Architektur der Technischen Universität Graz

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dogMax